CONTEMPORARY ISTANBUL. Galerie Brockstedt. Turkey, 2012

Als ich klein war, genügte mir das Sonnenlicht, damit ich alle Dinge klar sah. Die Sonne schien und verbreitete einen Geruch von feuchter Erde und Mohn,

das Licht drang in die dunkelsten Ecken ein, um sie zu erhellen, und hatte einen Schatten für jedes Ding. Alles, was sich unter der Sonne befand, war klar, rein, perfekt.

Ich habe meine ganze Kindheit verbracht, indem ich die Dinge, die mich umgaben, beobachtete. Insbesondere fühlte ich mich von den kleinen Dingen angezogen. Ich erinnere mich ganz deutlich an die Schönheit des kleinen Universums, das ich mit meinem kindischen Blick umfasste, wenn ich mit dem Gesicht nach unten sehr nah an der Erde lag. Das kleine aber sehr üppige Relief einer Erdscholle; das makellose Grün eines Grashalms und sein Schatten; der perfekte Mechanismus der Beine einer fast transparenten Spinne und der perfekte Schatten, der sie begleitete. In jenem Augenblick fühlte ich mich der absolute Herrscher des kleinen Erdestücks, das mich stützte und das ich ansah.

Wenn ich mich mit dem Gesicht nach oben umdrehte, konnte ich sehen, wie die Wolken ihre Form änderten und die kreidigen Linien, die die Flugzeuge auf der Himmel hinterließen. Diese Gelassenheit überkam mich, das ferne Gerassel der Flugzeugmotoren und das Murmeln der Wiese schwankten mich und ich fühlte wie das Leben unter meinem Körper schwärmte; dann machte ich die Augen zu, klebte meine Zunge an den Gaumen und dachte, dass alles möglich war.

Auch heute, wenn die Stadt schläft und das Licht in meinem Studio eingeschaltet ist und ich mit demselben Fleiß male, mit dem ich, als ich klein war, mein Haar glättete, bevor ich in die Schule ging, denke ich noch, dass wir unser Leben ändern können, bis es so wird, wie wir uns wünschen.

Zu dieser späten Nachtstunde genügt mir die Erinnerung an das Sonnenlicht von jenen Zeiten, damit ich alle Dinge klar sehe.

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